Die kontroverse Debatte um die Teilnahme von Transgender-Athletinnen im Spitzensport hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Lia Thomas, die erste Transgender-Schwimmerin, die 2022 einen Collegetitel in den USA gewann, wird nicht an den Olympischen Spielen 2025 in Los Angeles teilnehmen dürfen. Offizielle des Welt-Schwimmverbandes World Aquatics haben klargestellt, dass Thomas, die die männliche Pubertät durchlaufen hat, nicht in der Frauen-Kategorie antreten darf. Stattdessen wurde sie aufgefordert, „mit Männern zu schwimmen“, eine Aussage, die weltweit für Empörung und Diskussionen sorgt.

Ein langer Rechtsstreit ohne Erfolg
Lia Thomas, die 1999 als William Thomas geboren wurde, begann 2019 mit einer Hormontherapie und trat ab 2021 in der Frauen-Kategorie an. Ihr historischer Sieg bei den US-College-Meisterschaften 2022, wo sie den Titel über 500 Yards Freistil gewann, machte sie zur Zielscheibe heftiger Kontroversen. Kritiker warfen ihr vor, aufgrund ihrer biologischen Vorteile als Person, die die männliche Pubertät durchlaufen hat, einen unfairen Vorteil gegenüber anderen Schwimmerinnen zu haben. Im Juni 2022 reagierte der Welt-Schwimmverband World Aquatics mit neuen Regeln: Transgender-Athletinnen dürfen nur dann in der Frauen-Kategorie antreten, wenn sie die männliche Pubertät nicht durchlaufen haben oder ihre Geschlechtsangleichung vor dem 12. Lebensjahr abgeschlossen wurde – eine Bedingung, die Thomas nicht erfüllt.

Thomas, die sich durch diese Regelung diskriminiert fühlte, zog im Januar 2024 vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS), um gegen das Verbot zu klagen. Sie berief sich dabei auf die Olympische Charta und die Europäische Menschenrechtskonvention, die Gleichberechtigung und Nicht-Diskriminierung garantieren sollen. Doch im Juni 2024 wies der CAS ihre Klage aus formalen Gründen ab: Thomas sei nicht berechtigt, die Regelungen anzufechten, da sie kein Mitglied des US-Schwimmverbandes USA Swimming ist. Diese Entscheidung schloss Thomas effektiv von internationalen Wettbewerben aus, einschließlich der Olympischen Spiele 2024 in Paris – und nun auch der Spiele 2025 in Los Angeles.

„Sie muss mit Männern schwimmen“ – eine umstrittene Aussage
Nach der Bestätigung, dass Thomas auch 2025 nicht in der Frauen-Kategorie antreten darf, sorgte eine Aussage von World Aquatics für erneute Aufregung. Ein Sprecher des Verbandes erklärte: „Wenn Lia Thomas an internationalen Wettbewerben teilnehmen möchte, muss sie mit Männern schwimmen. Unsere Regeln schützen die Integrität des Frauensports, und wir stehen zu unserer Entscheidung.“ Diese Aussage wurde von vielen als herablassend und diskriminierend empfunden. Transgender-Aktivisten weltweit verurteilten die Haltung des Verbandes und warfen ihm vor, Transgender-Athletinnen systematisch auszuschließen.
Thomas selbst zeigte sich tief enttäuscht. In einer Erklärung, die von ihren Anwälten veröffentlicht wurde, sagte sie: „Diese pauschalen Verbote sind nicht nur diskriminierend, sondern berauben Transgender-Athletinnen der Möglichkeit, ihre Identität im Sport auszuleben. Ich habe hart trainiert, um meine Träume zu verwirklichen, und diese Entscheidung ist ein Rückschlag für alle Transgender-Menschen im Sport.“ Sie betonte, dass sie weiterhin für die Rechte von Transgender-Athletinnen kämpfen werde, auch wenn sie selbst nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen kann.
Geteilte Meinungen in der Sportwelt
Die Entscheidung, Thomas von den Olympischen Spielen 2025 auszuschließen, hat die Sportwelt gespalten. World Aquatics verteidigt ihre Regeln als notwendigen Schritt, um Fairness im Frauensport zu gewährleisten. „Unsere Richtlinien basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen“, erklärte der Verband in einer Stellungnahme. „Athletinnen, die die männliche Pubertät durchlaufen haben, behalten physische Vorteile wie größere Muskelmasse und Körpergröße, die den Wettbewerb verzerren könnten. Wir wollen ein Umfeld schaffen, das Fairness, Respekt und Chancengleichheit für alle garantiert.“
Auf der anderen Seite werfen Kritiker dem Verband vor, die Regeln seien willkürlich und diskriminierend. Caroline Bechtel, Sportrechtlerin an der Deutschen Sporthochschule Köln, kommentierte: „Die Regelung von World Aquatics schließt praktisch alle Transgender-Frauen aus, da eine Geschlechtsangleichung vor dem 12. Lebensjahr in den meisten Ländern rechtlich und medizinisch nicht möglich ist. Das ist keine Lösung für Fairness, sondern ein faktisches Verbot.“ Sie wies darauf hin, dass die Wissenschaft noch keine einheitlichen Beweise dafür liefert, dass Transgender-Athletinnen nach einer Hormontherapie einen signifikanten Vorteil haben.
Auch einige ehemalige Athletinnen äußerten sich kritisch. Martina Navratilova, Tennis-Ikone und eine der ersten offen lesbischen Profisportlerinnen, hatte bereits 2022 gesagt: „Es geht nicht um Lia persönlich. Aber wenn jemand als Mann auf Platz 462 war und als Frau plötzlich Erste wird, dann ist das kein fairer Wettkampf.“ Andere, wie die Olympiasiegerin Erica Sullivan, unterstützen Thomas. In einem früheren Statement sagte Sullivan: „Lia hat hart trainiert und alle Regeln eingehalten. Sie verdient es, wie jede andere Athletin für ihren Erfolg gefeiert zu werden, nicht aufgrund ihrer Identität verurteilt zu werden.“
Ein politisches Thema mit globaler Reichweite
Die Debatte um Lia Thomas ist längst nicht mehr nur eine sportliche Angelegenheit, sondern ein politisches Thema, insbesondere in den USA. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2025 hat die Trump-Administration, die im März 2025 an die Macht kam, ihre Haltung verschärft. Berichten zufolge entzog die Regierung der University of Pennsylvania, an der Thomas studierte, 175 Millionen Dollar an Bundesmitteln, weil die Universität Thomas erlaubt hatte, im Frauenteam zu schwimmen. Diese Entscheidung wurde von konservativen Politikern gefeiert, die argumentieren, dass Transgender-Athletinnen den Frauensport gefährden.
Auf der anderen Seite haben Organisationen wie die American Civil Liberties Union (ACLU) und das National Women’s Law Center Thomas verteidigt. Die ACLU erklärte: „Es ist kein Frauensport, wenn er nicht alle Frauen einschließt. Lia Thomas gehört ins Schwimmteam der Frauen, und ihre Ausgrenzung ist ein klarer Akt der Diskriminierung.“ Die Debatte hat auch in Europa Wellen geschlagen, wo Länder wie Deutschland die Frage diskutieren, wie Transgender-Athletinnen besser in den Spitzensport integriert werden können, ohne bestehende Strukturen zu gefährden.
Ein Rückschlag für Transgender-Rechte im Sport
Die Entscheidung, Lia Thomas von den Olympischen Spielen 2025 auszuschließen, wird von vielen als Rückschlag für die Rechte von Transgender-Athletinnen gesehen. Obwohl World Aquatics 2023 eine „offene Kategorie“ für Transgender-Athleten eingeführt hatte, wurde diese aufgrund mangelnder Anmeldungen wieder eingestellt – ein Zeichen dafür, dass viele Transgender-Athleten sich nicht in einer separaten Kategorie abgeschoben fühlen wollen. Für Thomas, die seit 2022 kein Rennen mehr geschwommen ist, bedeutet die Entscheidung das vorläufige Ende ihres Traums, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.
Während die Olympischen Spiele 2025 in Los Angeles näher rücken, bleibt die Frage offen, wie der Spitzensport mit Transgender-Athleten umgehen wird. Die Debatte um Fairness, Inklusion und Identität ist komplex und emotional aufgeladen. Für Lia Thomas und viele andere Transgender-Athletinnen ist der Kampf jedoch noch lange nicht zu Ende. Sie setzen ihren Einsatz für Gleichberechtigung fort – im Wasser und außerhalb.